Der Götakanal – Die Wiederentdeckung des langsamen Reisens

Götakanal

Zelten am Götakanal
Foto: Reinhard Pantke

Text: Reinhard Pantke, überarbeitet von Tanja Riehm-Wagner

Es ist fast Ende Juni geworden und ich bin im Verlaufe meiner über drei Monate langen Rad-Mammut-Tour, die in Deutschland begann und mich durchs Baltikum und weiter nach Schweden führte, an einem der schönsten Wasserwege Skandinaviens angekommen: Am blauen Band des Götakanals.

Skandinaviens zweitwichtigster Feiertag (nach Weihnachten) war vor kurzem: „Midsommar“! Gefeiert wird dieser Tag „als Tag mit dem längsten Tageslicht“ in allen skandinavischen Ländern. Nur wer im Norden mal die dunklen, kalten Wintermonate erlebt hat, kann die ausgelassene Freude der Menschen an diesem Tag verstehen! Im Sommer verlegt man das Leben nach „Draußen“ und manche Campingplätze verwandeln sich ab „Midsommar“ für kurze Zeit in kleine Heerlager. Es wird getanzt, die Gärten und Häuser werden rausgeputzt und über das gesamte Wochenende wird auch ziemlich viel Alkohol getrunken.

Der Götakanal und das Seenland

Westlich von Mem beginnt der erste künstliche Abschnitt des Götakanals, der durch einige der schönsten Seen Schwedens und durch zwei weitere Kanäle von der Ostsee nach Göteborg führt. Die Schweden waren einst die Vormachtstellung der Dänen leid, die ihre strategisch günstige Lage an der Meeresenge des Großen Belts nutzten, indem sie diesen Zugang in kriegerischen Zeiten blockierten oder Schutzzölle forderten. Zehntausende buddelten zeitweilig über 20 Jahre an der Wasserstrasse, die lange nur von den Segelschiffen befahren wurde, die auf den Treidelpfaden längs des Kanals von Karren gezogen wurden. Die mehr als 90 Meter Höhenunterschied zwischen den fünf Seen werden durch 58 Schleusen bewältigt! Viele Freiwillige sind im Sommer „Schleusenwärter“ und bedienen die hölzernen Schleusentore teils noch heute mit harter Muskelkraft! Besonders beeindruckt bin ich an der Schleusentreppe von Berg, wo sich die Boote in sieben Schleusen über 18 Höhenmeter langsam den Berg hinaufschleichen.

Götakanal

Idylle pur am Götakanal
Foto: Reinhard Pantke

Wer wie ich mit schmalem Geldbeutel lebt, kann auch direkt am Kanal auf einfachen Lagerplätzen mit Feuerstelle und Plumsklo sein Zelt aufbauen. Aber für gehobene Ansprüche gibts für größere Brieftaschen auch einige wunderschöne am Kanal gelegene rustikale Hotels, die Gemütlichlichkeit und Behaglichkeit ausstrahlen. Nach „Midsommar“, in der kurzen Hauptreisezeit der Schweden, sollte man die festen Unterkünfte auf jeden Fall vorab reservieren!

Einziger Wermutstropfen ist, dass es leider kein Boot zwischen Motala und Karlsborg gibt, das am Westufer des Sees gelegen ist. So muss ich um das Luftlinie nur wenige Kilometer entfernte Städtchen zu erreichen, einmal 100 km um den nördlichen Teil des Sees herum fahren! Ende Juni startet in Motala im Juni übrigens jedes Jahr die „Vätternrundan“, ein 300 km langes Radrennen rund um den Vätternsee, bei dem durchschnittlich über 30.000 Radfahrer mitfahren und sich durch die nicht ganz dunkle Nacht kämpfen! Weiter „bike“ ich nach Karlsborg, einem Kleinstädtchen, das wunderschön zwischen dem Vänern- und dem Vättern-See gelegen ist und somit von Wasser umgeben ist.

Götakanal

Elchschild am Götakanal
Foto: Reinhard Pantke

Elchtest gefällig?

Immer wieder führt der Weg durch kleine Dörfer mit gemütlichen roten Hexenhäuschen und idyllischen Gärten, die der Phantasie Astrid Lindgrens entsprungen zu sein scheinen. Der Götakanal besteht nur knapp zur Hälfte aus einem künstlich angelegten Kanal mit geschotterten Treidelpfaden längs des Kanals. Der andere Teil der Radstrecke Götakanal liegt auf Nebenstrassen und gar steilen Waldwegen, auf denen ich nur langsam vorwärts komme. Als ich auf einem schmalen Waldweg bergauf fahre, lugt plötzlich kaum zwei Meter neben dem Weg ein Elch aus dem Wald. Das riesige Tier bleibt regungslos stehen, ich fahre dicht an ihm vorbei und bestehe den „Elchtest“ grade noch so ohne den Lenker zu verreisen. Als ich mich kurz nach 50 Metern umdrehe, rast er plötzlich blitzschnell zurück in den Wald; ein wesentlicher Teil der Elchtarnung ist wohl das regungslose Verharren im Wald.

Herrlich, direkt am Kanal gelegene Cafes und Unterkünfte verlocken mich immer wieder zu Pausen! An manchen Tagen scheinen die Schleusenwärter etwas mehr Freizeit zu haben, eine Frau verkauft wunderbare Blaubeermuffins und Erdbeerkuchen ofenfrisch an hungrige Radfahrer!

Immer bewundere ich die vielen Segelboote und die alten Kanalschiffe, die heute noch fahren. Als Transportweg für Waren und Güter hat der Kanal keine Bedeutung mehr, aber vom 1. Mai bis Ende September ist der Wasserweg ein Mekka für Freizeitboote! In Sjötorp mündet der Kanal in den riesigen Vänernsee und ich radle etwas wehmütig wieder auf normalen Straßen in Richtung Göteborg.

Oldies, but Goodies …

Die Oldies „Juno“, „Wilhelm Tham“ und die „Diana“ befahren heute noch den Kanal – die betagte „Juno“ tuckert gemächlich seit 1874 über den Kanal und ist eines der ältesten Passagierschiff der Welt! Vielleicht wäre dies oder ein anderes der Passagierschiffe ja auch mal eine Möglichkeit entspannt von Stockholm nach Göteborg zu reisen und Schwedens blaues Band zu entdecken?

Dazu finden Sie sicherlich einige Anregungen auf der Schwedenseite von ZeitRäume Reisen!

Weitere Impressionen meiner Reise folgen in den nächsten Wochen! Die Tour wird bis September per Fahrrad ans Nordkapp führen.

 

About the author

Reinhard Pantke

Der Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 67) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Neben Fahrradtouren durch Norwegen (17x), Schweden, Island (3x), Schottland, England, Neuseeland (3x) und einigen Südseeinseln und den Kanaren war er auch in Kanada und Alaska unterwegs. Im Verlauf dieser Touren legte er in den letzten Jahren insgesamt 160.000 km per Fahrrad zurück.
Neben Artikeln in regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, Kalendern, Buchbeiträgen und Austellungen ist Reinhard Pantke auch Autor verschiedener Bildbände über Norwegen und Kanada. Im Jahr 2009 hatte der Abenteuerer bereits Kanada von Westen nach Osten durchquert. Seine große Leidenschaft ist Skandinavien, aktuell tourt er 3 Monate durch Schweden und Norwegen.

One Comment

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  • Hallo Reinhard und hallo Tanja,

    ein sehr schöner Text von euch beiden hat sehr viel Spaß gemacht diesen zu lesen! Diesen Sommer ermögliche ich mir zum ersten mal den Traum und werde einen kurzen Ausflug in Schweden genießen! Freue mich schon riesig darauf!

    viele Grüße,

    Conrad!

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