Telemarkkanal und Hardangervidda in Norwegen

Telemarkkanal

In der Nähe von Lunde am Telemarkkanal
Foto: Reinhard Pantke

Text: Reinhard Pantke, überarbeitet von Tanja Riehm-Wagner

Der Telemarkkanal ist ein stiller Wasserweg, der gar nicht weit von der beliebten Sommer-Sonnen-Küste Norwegens und dem internationalen Fährhafen von Langesund entfernt ist und auf jeden Fall mindestens einen Abstecher wert ist. Er lädt Radfahrer wie mich und Freizeitkapitäne zu wunderschönen Entdeckungstouren ein.

Wissenswertes zum Telemarkkanal

Der Telemarkkanal in Südnorwegen ist ebenso wie der Götakanal in Süd-Mittelschweden keine schnurgerade Wasserstraße, auch wenn wir sie uns wahrscheinlich automatisch so vorstellen, sondern eine Verbindung zwischen mehreren Seen und Flüssen.

An dem über 100 km langen Telemarkkanal wurde in zwei Abschnitten gebaut: Genau vor 160 Jahren, also 1854, begann man mit dem ersten Streckenabschnitt von Skien nach Norsjø. 1861 war dieser Teil fertig gestellt. 1887 wurden die Bauarbeiten fortgesetzt, die Strecke Norsjø-Bandak war bereits nach 5 Jahren befahrbar. 1892 wurde der Telemarkkanal feierlich eingeweiht.

18 Schleusen waren nötig, um den Höhenunterschied von mehr als 100 Metern zum kleinen Dorf Dalen am Ende des Telemarkkanals zu überwinden. Noch heute sind viele der Schleusen und Verkleidungen original aus Holz erhalten. Es muss für die damaligen Arbeiter ein unglaublicher Kraftakt gewesen sein, wenn man die vielen felsigen Ufer betrachtet. Er diente vor 100 Jahren zwar auch der Personenbeförderung mittels Dampfschiffen, aber im Mittelpunkt stand der Transport von Gütern. Allen voran konnte auf diesem Weg der wertvolle Rohstoff Holz weit in das damals noch fast strassenfreie, wilde Innere der Telemark gebracht werden. Die Flösserei wurde im nördlichen Teil des Kanals erst vor gut 30 Jahren eingestellt. In den 1980er Jahren war der Kanal für Freizeitboote nur geöffnet, wenn die Sägewerke Sommerpause machten.

Telemarkkanal

MS Victoria auf dem Telemarkkanal
Foto: Reinhard Pantke

Ähnlich wie der Götakanal in Schweden wird auch der Telemarkkanal nur noch von Mai bis September von Freizeitbooten und betagten Passagierschiffen wie z.B. der über 130 Jahre alten MS Victoria und der MS Henrik Ibsen befahren. Diese traditionellen Motorschiffe tuckern in einem beschaulichen Tempo von Skien nach Dalen und benötigen daher 11 Stunden für die 105 km.

Wer eine Radtour entlang des Telemarkkanals plant, aber nicht die komplette Strecke selbst fahren möchte, kann seinen fahrbaren Untersatz auf dem Boot mitnehmen und so einen Teil der Wegstrecke auf dem Wasser entspannt genießen. Ein besonderes Erlebnis sind dabei die Schleusen, wie zum Beispiel die gewaltige Schleusentreppe von Vrangfoss, in der sich die Boote in fünf Kammern über eine Stunde langsam auf oder abwärts schleichen.

 

Meine Fahrradtour am Telemarkkanal

Die beschauliche Kleinstadt Skien ist nicht nur der Geburtsort des bekannten norwegischen Schriftstellers Henrik Ibsen sondern auch mein Ausgangspunkt für die Radtour entlang des Telemarkkanals. Ich fahre parallel zum Kanal auf schmalen, fast verkehrsfreien Strassen und Forstwegen Richtung Dalen. Die Landschaft könnte kaum abwechslungsreicher sein und die Natur präsentiert sich in üppigen Frühlingsfarben, wie zum Beispiel dem leuchtenden Gelb der Rapsfelder. Anders als am Götakanal, treffe ich oft stundenlang niemanden und die vielen Steigungen bringen mir die Gewissheit, dass das Radeln in Norwegen bedeutend anstrengender als in Schweden werden wird.

Das Wetter ist unbeständig, einige gewaltige Gewittergüsse prasseln erbarmungslos in Form von sintflutartigen Regenfällen auf mich herunter.

Telemarkkanal

Telemarkkanal
Foto: Reinhard Pantke

Der Telemarkkanal präsentiert sich mal seenartig breit, mal schmal und von hohen Bergen eingerahmt, vor meinen Augen breitet sich in den Regenpausen eine sonnige Bilderbuchlandschaft aus, die Ruhe und Harmonie ausstrahlt und typisch für den Süden Norwegens ist. Die wenigen Häuser spiegeln sich perfekt und gestochen scharf im stillen Wasser des Kanals und irgendwo erinnert eine laut schreiende Möwe daran, dass das Meer nicht weit entfernt ist.

In Kviteseid, der vorletzten Station, steige ich für die letzten Kilometer des Kanals dann doch auf eines der Kanalschiffe um und bin froh, dass mein rotes Ross nicht wie die anderen Räder mit dem Kran aufs Oberdeck gehievt wird, sondern ich es abpacken und im Unterdeck verstauen kann.

Wer mal in einem wahrhaft märchenhaften Hotel übernachten will und über eine gutgefütterte Geldbörse verfügt, sollte keinesfalls das traumhafte Hotel in Dalen verpassen, das trotz seine Größe ganz aus Holz gebaut worden ist und irgendwie an einen Drachen erinnert.

Ich erklimme die Hochebene Hardangervidda

Von Dalen, dem Endpunkt des Telemarkkanals, führen alle Strassen bergauf, denn der Ort liegt in einem Talkessel. Ich strampel langsam immer höher hinauf, um nach einigen Kilometern auf die Hauptstrasse zu gelangen, die als Europastrasse weiter in Richtung der alten Hansestadt Bergen führt. Zwei Pässe bringen mich auf über 1.100 Meter, ein erster Vorgeschmack auf die riesigen Höhendifferenzen, da es zwischen den Pässen immer wieder weit heruntergeht. Als Radfahrer muß ich immer noch ein paar Meter weiter nach oben klettern, da ich über die alten Passstrassen steige, die über den Berg führen. Die kilometerlangen Tunnel, die Norwegen nur „unterirdisch“ zeigen und als Radfahrer nicht schön zu befahren sind, sind für mich keine Alternative, da nehme ich doch lieber die zusätzlichen Höhenmeter in Kauf.

Telemarkkanal

Hardangervidda im Juni
Foto: Reinhard Pantke

Links und rechts der Straße liegt in diesen Höhen auch jetzt im Juni noch jede Menge Schnee. Der Verkehr der Europastrasse ist erstaunlicherweise relativ gering und so radele ich langsam durch die immer karger werdende Landschaft hinauf zu den südlichsten Ausläufern des Hardangervidda Nationalparks, einem kargen und fast 8.000 km² großen Wildnisgebiet. Irgendwann habe ich es fürs Erste geschafft und rolle in Richtung Hardangerfjord bergab … Das Fjordland ist erreicht.

Auch ZeitRäume bietet einige Reisen in den wunderschönen Süden Norwegens an: Die beiden Autorundreisen Südliches Fjordnorwegen, und Südnorwegen – Die Sonnenküste sowie die Busrundreise Die schönsten Fjorde der Welt, um nur einmal drei zu nennen.

About the author

Reinhard Pantke

Der Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 67) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Neben Fahrradtouren durch Norwegen (17x), Schweden, Island (3x), Schottland, England, Neuseeland (3x) und einigen Südseeinseln und den Kanaren war er auch in Kanada und Alaska unterwegs. Im Verlauf dieser Touren legte er in den letzten Jahren insgesamt 160.000 km per Fahrrad zurück.
Neben Artikeln in regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, Kalendern, Buchbeiträgen und Austellungen ist Reinhard Pantke auch Autor verschiedener Bildbände über Norwegen und Kanada. Im Jahr 2009 hatte der Abenteuerer bereits Kanada von Westen nach Osten durchquert. Seine große Leidenschaft ist Skandinavien, aktuell tourt er 3 Monate durch Schweden und Norwegen.

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