Der lange „Weg nach Norden“ auf der Küstenstraße Fv17

Küstenstraße Fv17

Bronnoysund an der Küstenstraße Fv 17
Foto: Reinhard Pantke

Norwegen bedeutet nichts anderes als „Weg nach Norden“ und dieser Weg ist vom südlichsten Punkt in Norwegen bis hinauf zum Nordkapp über 2.500 km lang, einer Entfernung, die grob der Strecke von Flensburg nach Istanbul entsprechen würde! Eine gute Alternative zu der im Sommer stark befahrenen E 6, die von vielen Wohnmobilisten als Rennstrecke zum Nordkap genutzt wird, ist der Kystriksveien, der auch Fylkesvej genannt wird. Die heute als „Fv17“ und bis 2009 als „Rv17“ bekannte Küstenstraße beginnt in Steinkjer (90 km nördlich von Trondheim) und führt über 680 km über den Polarkreis hinaus in die Küstenstadt Bodø.

Wer die abwechslungsreiche Strecke nicht per Fahrrad, sondern per Auto entdecken will, sollte mehr Zeit einplanen, da die Strecke von mindestens sechs Fährpasssagen unterbrochen wird, die bis 60 Minuten dauern können.

Küstenstraße Fv17

Fährüberfahrt zur Insel Lovund
Foto: Reinhard Pantke

Für Radfahrer wie mich sind die Fähren nicht nur willkommene Pausen, sondern sorgen auch dafür, dass auf vielen Passagen bis zur Ankunft der nächsten Fähre oft nur wenige Autos überholen.

Immer weiter nordwärts

Es ist Juli 2014. Der norwegische Jahrhundert-Sommer läuft auf vollen Touren und bei Temperaturen von 25 Grad komme ich gewaltig ins Schwitzen. Obwohl ich noch südlich des Polarkreises bin, wird es nicht wirklich dunkel. Ich mache die Nacht freiwillig zum Tag und genieße in einigen Nachtetappen die Ruhe der in mildes Dämmerlicht getauchten Landschaften. Der südliche Teil dieser Touristenstrecke führt durch abwechslungsreiches Waldland über viele Anstiege zur Küste.

In der Nähe von Bronnoysund lockt ein Abstecher zum Torghatten.

Diese gigantische 90 m Meter hohe Höhle, mitten im Berg erreiche ich nach einer kurzen Wanderung und lasse den Blick von oben über einen wilden Flickenteppich von unzähligen Schären und Inseln schweifen, die sich entlang der Küste unter mir ausbreiten. Wer die Küste mal von oben aus dem Flugzeug gesehen hat, wird wissen, dass diese Küste an schönen Sommertagen karibisch aussieht. Wie mild das Klima hier in Polarkreisnähe noch ist, kann man bei einem Besuch von „Hildurs Urterarium“ (Hildurs Kräutergarten) sehen. Dort wächst Vieles, was man nur viel weiter im Süden vermuten würde.

Küstenstraße Fv17

Aussicht vom Torghattan
Foto: Reinhard Pantke

Abstecher in die Inselwelt

In einem Abstecher düse ich per Schnellboot zur Insel Træna, die etwas südlich des Polarkreises liegt und heute von knapp 500 Menschen bewohnt wird. Diese leben – wie sollte es anders sein – überwiegend vom Fischfang. Das aus mehreren Inseln bestehende Inselreich ist winzig, schon nach knapp 4 Kilometern bin ich am Ende der Hauptinsel angekommen. Jedes Jahr vervielfacht sich die Bevölkerung, wenn hier eines der der ungewöhnlichsten Musikfestivals abgehalten wird.

Auf der Nachbarinsel Lovund, die von einem gigantischen, über 600 m hohen Berg geprägt wird, kann man in den Sommermonaten farbenprächtige Papageitaucher sehen, die dort an den grasigen Terassen des Berges nisten. Die ca. 30.000 Vögel kommen Jahr für Jahr fast geschlossen an einem bestimmten Tag im Frühling vom Meer zurück zu ihren Brutplätzen an Land! Die Chancen sind sehr groß, auch einige Seeadler zu bewundern, für die die Papageitaucher ein Leckerbissen sind.

Abstecher in den Untergrund und in eisige Welten….

Wenig später geht es – zurück an der Küstenstraße Fv17- zu einem alten Küstenfort, das tief in die Felsen gesprengt wurde und vom Wahn der Nazis zeugt, selbst die entlegensten Gegenden Europas zu unterjochen. Die nächste Fähre bringt mich über den Polarkreis hinaus in einen bergigen Teil der Küstenstraße, wo ich immer wieder in den „Untergrund“ muss und durch kilometerlange Tunnel radele. Ich bin froh, dass der Verkehr eher gering ist und die Tunnel gut beleuchtet sind. Direkt neben der Fv17 liegt der Svartisengletscher, der zweitgrößte Gletscher Norwegens, der heute noch fast bis auf Meereshöhe herunter kalbt. Er scheint nicht ganz so stark wie die Gletscher im südlicheren Fjordland geschmolzen zu sein. Nach wenigen Kilometern und einer kurzen Bootsfahrt erreiche ich den Gletschersee, über dem das Eis in den verschiedensten Blautönen leuchtet.

Der stärkste Gezeitenstrom der Welt

Kurz vor dem Ende dieser reizvollen Strecke bewundere ich den Saltstraumen, den stärksten Gezeitenstrom der Welt. Über 400 Millionen Kubikmeter Meerwasser zwängen sich dort alle vier Stunden durch eine schmale Öffnung in den Fjord oder in Richtung Meer. Riesige Strudel wirbeln mit fast 40 km unter der Brücke, am Ufer stehend hat man zeitweise das Gefühl an einem tosenden Wildwasserfluss zu sehen. Nur Lebensmüde würden sich dort mit PS-schwachen Booten hinein wagen; ein paar Fischer und die Möwen hoffen etwas von dem Fisch zu erwischen, der dabei massenhaft nach oben gedrückt werden. Wer das Spektakel sehen will, erkundigt sich am besten nach dem Gezeitenplan: Die Strudel und Wirbel sind am besten jeweils 1,5 bis 2,5 Stunden vor und nach dem Höchststand von Ebbe oder Flut zu sehen.

Natürlich sind diese kurzen Ausführungen nur einige Appetizer, denn auf der Küstenstraße Fv17 gibt es noch viel mehr zu entdecken!

Text und Fotos: Reinhard Pantke

Einen umfassenden Einblick der norwegischen Küste bietet Ihnen unsere Reise „Best of Norway“

About the author

Reinhard Pantke

Der Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 67) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Neben Fahrradtouren durch Norwegen (17x), Schweden, Island (3x), Schottland, England, Neuseeland (3x) und einigen Südseeinseln und den Kanaren war er auch in Kanada und Alaska unterwegs. Im Verlauf dieser Touren legte er in den letzten Jahren insgesamt 160.000 km per Fahrrad zurück.
Neben Artikeln in regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, Kalendern, Buchbeiträgen und Austellungen ist Reinhard Pantke auch Autor verschiedener Bildbände über Norwegen und Kanada. Im Jahr 2009 hatte der Abenteuerer bereits Kanada von Westen nach Osten durchquert. Seine große Leidenschaft ist Skandinavien, aktuell tourt er 3 Monate durch Schweden und Norwegen.

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