Die Lofoten – wie Fisch ein ganzes Archipel bestimmt

Stockfisch-Herstellung auf den Lofoten Foto: Reinhard Pantke

Stockfisch-Herstellung auf den Lofoten
Foto: Reinhard Pantke

Als Pietro Querini, ein venezianischer Seefahrer, im Jahr 1431 Iraklion auf Kreta mit Richtung Brügge im heutigen Belgien verließ, wäre er sicherlich direkt umgekehrt, hätte er gewusst, was ihm und seiner Mannschaft bevor stand. In einem schweren Sturm verloren sie die Kontrolle über ihre Schiffe und mussten auf kleine Beiboote ausweichen. Völlig entkräftet und ohne Orientierung trieben sie schließlich nordwestlich der britischen Inseln auf der offenen See herum, bis ihnen der Golfstrom zur Hilfe kam. Als nach Wochen auf dem Meer der klägliche Überrest der Mannschaft – von ursprünglich 68 waren nur noch 11 Männer übrig – auf einer Insel anlandete, schien die Pechsträhne jedoch anzuhalten. Sie waren auf Sandøya in Norwegen gestrandet, einer unbewohnten Insel, die nur im Sommer als Weidefläche für das Vieh genutzt wurde. So fanden die Überlebenden aber zumindest einen Stall, der sie vor den Launen des Januars schützen sollte.

Nach einem weiteren Monat in Unsicherheit wurden sie von Einheimischen entdeckt und auf mehrere Familien in Røst verteilt. Querini schwärmte in den höchsten Tönen von seinen Rettern. Sie seien „reinlich“, gutaussehend und fromm, da sie eifrig in die Kirche gingen. Gleichzeitig irritierte ihn ihre Gutgläubigkeit – sie schlossen nie ihre Türen, nicht einmal als diese Fremden aus dem fernen Venedig in ihre Gemeinschaft traten. Zudem konnte Querini sich die Schamlosigkeit nicht erklären, mit der sich Männer und Frauen einmal in der Woche gänzlich entkleideten und in einem engen Raum gemeinsam vor sich hin schwitzten.

Kabeljau als Lebensgrundlage

Neben einem einzigartigen Zeugnis der norwegischen Kultur des Mittelalters hatte die Odyssee aber noch eine ganz andere Folge. Querini brachte den Stockfisch mit nach Italien – noch heute in einigen Regionen von Portugal bis Griechenland eine besondere Spezialität und aus der traditionellen Küche nicht wegzudenken. Der Fisch kommt tatsächlich auch heute noch häufig von den norwegischen Inseln. In der Zeit vor Querini war diese Art des Haltbarmachens nur in den skandinavischen Ländern bekannt.

Auch in diesen Tagen sind für die Lofoten der Fischfang und die Verarbeitung zu Stockfisch die zentrale Einnahmequelle. Durch den Einfluss des Golfstroms ist das Wasser sehr warm und so macht sich der Kabeljau, (also geschlechtsreifer Dorsch) im Norwegischen auch Skrei genannt, jedes Jahr zwischen Februar und April auf den Weg vor die Küsten der Lofoten um zu laichen. Besonders der V-förmige Vestfjord, den die Lofoten mit dem norwegischen Festland bilden, bietet den Tieren den Schutz, den sie suchen. Die riesigen Schwärme ziehen heute Fischer aus ganz Norwegen an, die dort die ihnen zugeteilte Fangmenge in kurzer Zeit zu erreichen versuchen. Ihre Schiffe werden häufig scharenweise von Seeadlern flankiert, die darauf hoffen, dass auch für sie etwas abfällt.

Das Klima macht’s

Das Schauspiel der jährlichen Wanderung begann vermutlich schon kurz nach dem Ende der letzten Eiszeit. Nicht wesentlich jünger ist wohl auch die Überlegung: wie machen wir uns die wenigen Wochen des Dorsch-Besuches zu Nutze? Die Lösung verhalf nicht nur den Bewohnern zu vollen Mägen über das ganze Jahr, sondern auch zu wirtschaftlichem Erfolg und dem Fisch zu seinem Namen; Dorsch kommt nämlich vom norwegischen „Turskr“ – Trockenfisch.

Dass die Lofoten zu einem solchen Trockenfisch-Eldorado wurden, liegt an dem besonderen Klima, was zu der Zeit herrscht, zu der die Fischschwärme ankommen. Im Spätwinter und beginnenden Frühjahr friert es nur sehr selten, was wichtig für eine gute Qualität ist. Gleichzeitig ist es auch nicht zu warm, was den Fisch nicht sauer werden lässt und somit vor Feinschmecker-Fliegen bewahrt. Zudem spielt der salzige Wind eine wichtige Rolle, der den Fisch schnell trocknet und nicht zuletzt einen würzigen Geschmack beschert. Alles in allem ergibt sich auf diese Weise eine einzigartige Kombination, die den Lofoten-Stockfisch zu etwas so Außergewöhnlichem macht. Und das erkannte auch Pietro Querini und brachte den Stockfisch mit nach Italien. Erst dadurch wurde, dank seiner Haltbarkeit, der Fisch auch in Regionen abseits von Gewässern zum alltäglichen Nahrungsmittel.

Schon einige Zeit vor Querini trug der Stockfisch zur schwunghaften Entwicklung zahlreicher Städte in Nordeuropa bei. Diesem Thema werden wir uns im nächsten Blogbeitrag zuwenden und so den Kreis zu unseren heutigen Tagen schließen.

Besuchen Sie doch die Lofoten auf einer unserer Autorundreisen druch Norwegen, zum Beispiel auf der „Inselzauber Lofoten und Vesterålen„.

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Jan Schäfer

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