Die Lofoten Teil 2 – Boom im Mittelalter, Niedergang im 21. Jahrhundert?

Fischerhütten im Nusfjord auf den Lofoten Foto: Sónia Arrepia Photography - Visitnorway.com

Fischerhütten im Nusfjord auf den Lofoten
Foto: Sónia Arrepia Photography – Visitnorway.com

Im ersten Beitrag über die Lofoten haben wir Ihnen die Odyssee des Pietro Querini vorgestellt, dabei aufgezeigt warum die Lofoten so untrennbar mit dem Stockfisch verbunden sind und umgekehrt, warum der Stockfisch nur dort solch perfekte Bedingungen vorfindet. Heute wollen wir den Fokus auf einen anderen Aspekt legen, nämlich welche Rolle Stockfisch für die Entwicklung Norwegens und teilweise auch Europas gespielt hat.
Um 1100 begann das Königreich Norwegen wirtschaftliches Kapital aus dem Fischfang zu schlagen. Bereits zu dieser Zeit nahm dabei der Lofot-Fischfang eine herausgehobene Stellung ein – dass hier im Frühjahr außergewöhnlich große Fischschwärme auftauchen ist beileibe keine neuzeitliche Entdeckung. Im Gegenteil: die weltweit früheste Erwähnung von Fischerhütten findet sich genau hier. Es war jedoch erst eine andere Entwicklung notwendig, dass aus reichen Fischgründen eine wahre Goldgrube wurde.

Aus Selbstversorgung wird Handel

Vor allem entlang der englischen Küste und der des europäischen Festlandes vollzog sich ein Wandel, der Norwegen und die Lofoten in besonderem Maße begünstigte. Der Trend ging hin zur Spezialisierung, wodurch Lebensmittel von immer weniger Menschen selbst produziert und stattdessen importiert wurden. Und was taugt besser zum Verkaufsschlager als eine Art mittelalterliches Astronautenfutter?

Kabeljau-Trocknung auf dem Holzgestell Foto: TT photo - shutterstock

Kabeljau-Trocknung auf dem Holzgestell
Foto: TT photo – shutterstock

Durch das schonend-langsame Trocknen bleiben alle wichtigen Nährstoffe und Vitamine enthalten. Gleichzeitig verliert der Fisch drei Viertel seines Gewichts und Volumens, was ihn zu einem dankbaren Transportgut macht – er hält sich sehr lang und nimmt wenig Platz ein. Auf langen Reisen ohne festen Boden unter den Füßen war er somit der ideale Begleiter. Ob für die mittelalterlichen Seefahrer die abendliche Portion Stockfisch eine so verlockende Aussicht war wie heute für viele Gourmets ist nicht überliefert.

Die Begleiterscheinungen der Christianisierung

Neben den Vorteilen bei Transport und Haltbarkeit begünstigte eine weitere Entwicklung die Stockfischnachfrage von der norwegischen Westküste. Das Christentum breitete sich unaufhaltsam in Europa aus und damit auch die Sitte in der Fastenzeit kein Fleisch zu sich zu nehmen. Fisch durfte auch in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern gegessen werden und so entstand eine große Nachfrage. Vor allem in den Regionen, die nicht über ein nahe gelegenes Gewässer verfügten, war Stockfisch eine gefragte Eiweiß-Quelle – zusätzlich begünstigt von dem damaligen Konsumverbot für Milchprodukte. Diese Fastenregel wurde erst von Papst Innozenz VIII. im Jahre 1486 aufgehoben.
Salz war im Mittelalter ein sehr teures Gut. Da für Stockfisch von den Lofoten kein zusätzliches Salz benötigt wurde, war hier ein deutlich höherer Gewinn zu erzielen. Die Fische an den Flossen zusammenbinden, über ein Holzgestell schwingen und dann die frische Seeluft den Rest erledigen lassen – das stellte damals wie heute nur einen sehr geringen zeitlichen und finanziellen Aufwand dar. So erklärt sich auch, dass mit der Stadt Vågar auf den Lofoten die erste Stadt nördlich des Polarkreises gegründet werden konnte. Heute sind nach Ausgrabungen noch einige Überreste der mittelalterlichen Metropole zu sehen.

Bryggen in Bergen Foto: Reinhard Pantke

Bryggen in Bergen
Foto: Reinhard Pantke

Nachhaltige Folgen für die Landkarte

Da die Lofoten für viele damalige Transportmittel noch etwas zu weit ab vom Schuss waren, entwickelte sich das damals noch junge Bergen zum wirtschaftlichen Zentrum Norwegens und blieb auch bis ins 19. Jahrhundert hinein die bevölkerungsreichste Stadt. Hier wurden um das Jahr 1300 riesige Mengen an Stockfisch umgeschlagen – Schätzungen gehen von etwa 6 Millionen Fischen pro Jahr aus. Insgesamt nahm der Handel mit dem begehrten Nahrungsmittel 80% der norwegischen Exporte ein. Und da der Verkauf florierte, ging es auch dem norwegischen Königreich gut. Historikerinnen können heute direkt die positiven Einflüsse des Stockfisches auf die norwegische Staatsbildung und die Verbreitung des christlichen Glaubens nachweisen.
Tiefgreifende Änderungen brachte die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts mit sich. Im Zuge der Ausbreitung der schwarzen Pest wird Fisch im Vergleich mit anderen Lebensmitteln teurer und die größeren Gewinnspannen locken in der Folge viele ehemalige Landwirte an die Küsten; es entstehen immer mehr Fischerdörfer. Vor allem die deutsche Hanse bringt in dieser Zeit den Handel von Bergen aus unter ihre Kontrolle – Vågar verschwindet parallel dazu in der Versenkung. Da die Fischer ihren getrockneten Fang zunehmend selbst nach Bergen brachten und dort an die Hanseaten verkauften, wurden zahlreiche nördlicher gelegene Umschlagplätze nach wenigen Jahrhunderten der Blüte wieder in den Dornröschenschlaf versetzt. Solange Fischer oder Händler zwischen verschiedenen Handelsplätzen pendelten, blieb jedoch stets ein reger Kulturaustausch. Neben Waren aus fernen Ländern, brachten die Reisenden häufig neue Perspektiven und Eindrücke in das mittelalterliche Norwegen.

Stockfisch – Produkt ohne Zukunft?

Durch Kühlgeräte und die erheblich schnelleren Transportmöglichkeiten ist die Nachfrage nach Stockfisch in der Neuzeit stark zurück gegangen – in den Gegenden um Venedig und Genua schwören viele allerdings nach wie vor auf den Lofot-Stockfisch. Da Kabeljau in den letzten Jahrzehnten jedoch massiv überfischt wurde, wurden die Schwärme, die Jahr für Jahr in das Gebiet kamen, immer kleiner, der Ertrag immer geringer und der Fisch immer teurer. Das Bild vom Stockfisch als Nahrungsmittel armer Leute ist obsolet.
Hinzu kommt die Sorge vieler Inselbewohnener, dass sich durch steigende Wassertemperaturen der Rückzugsort der Fische in ein anderes Gebiet verschiebt. Eine steigende Lufttemperatur könnte außerdem dazu führen, dass der Fisch nicht mehr in der über Jahrhunderte üblichen Art und Weise getrocknet werden kann. Beide Entwicklungen sind in der Tendenz erkennbar.
Auch wenn es keineswegs absehbar ist, dass in naher Zukunft der Lofot-Fischfang und die Stockfischproduktion unmöglich werden, sollten uns die Entwicklungen zum Nachdenken anregen. Allein die Möglichkeit, dass über mehrere zehntausend Jahre schier endlos scheinende Fischgründe verschwinden könnten, sollte uns zu einem maßvollen Konsum anstiften. Tier und Mensch werden es uns sicher danken – nicht nur, aber bestimmt auch auf den Lofoten.

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Jan Schäfer

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