Norwegens Fjordland im Frühling per Rad – Teil 2

Der berühmte Geirangerfjord Foto: Reinhard Pantke
Der berühmte Geirangerfjord
Foto: Reinhard Pantke

Text: Reinhard Pantke, überarbeitet von Tanja Riehm-Wagner

Das Postkartenmotiv Nr. 1

Von Valldal geht es nach Linge, wo die Überfahrt nach Eidsdal eine jener typisch-norwegischen Erholungspausen auf einer Fjord-Fähre bietet. Das kurze Verschnaufen brauchen wir auch, da es hinter Eidsdal gleich wieder kurvig bergauf geht. Oben wartet keine karge Hochebene, sondern eingebettet zwischen Almen, der malerisch gelegene Eidsdalvatnet. Hier sind die Wiesen teils noch braun, der Schnee ist vor nicht allzu langer Zeit geschmolzen.

Nach einigen Serpentinen schweift der Blick vom Ornevegen („Adlerstraße“) über den gebogenen Geirangerfjord. Erst ein riesiges Kreuzfahrtschiff, dessen Schornsteine eine lange Rauchfahne durch den Fjord ziehen, zeigt die riesige Dimension des bekanntesten Postkartenmotivs von Norwegens Fjordland. Als I-Tüpfelchen spannt sich ein paar Momente sogar ein Regenbogen über den Fjord.
Mit 10 % Gefälle führt die Strasse in Serpentinen hinunter. Grüne Wiesen mit gelben Farbtupfern vermischen sich mit dem zart weißen und rosa Blüten der Apfel- und Kirschbäume, die jetzt tausendfach blühen. Willkommen zurück im Frühling! Wer glaubt, dass Norwegen zu kalt und verregnet sei, als dass hier Früchte gedeihen könnten, wird von den über 250.000 Obstbäumen im westnorwegischen Fjordland eines Besseren belehrt.

Als wir an der Campingplatzrezeption in unseren nassgeschwitzten Klamotten ankommen, überlässt man uns eine luxuriöse Hütte wohl zum Mitleidspreis.

Der Wettergott hat anscheinend mitgehört, 4.00 Uhr morgens wache ich auf, als mir die ersten Sonnenstrahlen aus einem makellos blauem Himmel ins Gesicht scheinen. Wir planen ohne Gepäck zu einem Aussichtspunkt über dem Fjord zu fahren.

Doch die Strasse auf den fast 1500 m hohen Dalsnibba ist im Mai noch gesperrt. Ich frage in der Touristinformation nach dem Grund. Die Dame am Schalter entgegnet verschmitzt lächelnd: „Es liegt halt noch ein bisschen Schnee da oben“. Neugierig frage ich: „Wieviel ist in Norwegen ein bisschen Schnee?“ „14-16 Meter“ lautet knapp und trocken die Antwort. „Oft wird die Strasse erst Mitte Juni wieder geöffnet“ fügt die Frau noch hinzu.

Im Mai ist das neben dem Nordkap wohl bekannteste Touristenziel Norwegens gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht. Im Sommer, von Mitte Juni bis Mitte August, ist das Dorf und der Fjord Geiranger einer der wenigen Orte, an denen man einen Hauch Massentourismus spüren kann.

Die Bandansage auf der Fähre nach Hellesylt ist mehrsprachig, denn der Geirangerfjord ist eine der Muss-Stationen einer jeden Norwegenreise. Unter dem stetig anschwellenden Kamera-Geklicke japanischer und französischer Tourgruppen pflügt das Schiff durch das absolut glatte Wasser des majestätischen Fjordes.

Wasserfall Sieben Scwestern Foto: Reinhard Pantke

Wasserfall Sieben Scwestern
Foto: Reinhard Pantke

Die Wasserfälle „Sieben Schwestern“ und „Brautschleier“ stürzen mit reichlich Schmelzwasser gespeist von den senkrechten Bergwänden.
Wie Schwalbennester kleben längst verlassene alte Häuser an den grasbewachsenen Steilhängen. Einige davon sind nur mit Strickleitern zu erreichen gewesen und werden heute als Sommerhäuser genutzt.

 

Von Fjorden, Pässen und Gletschern

Von Hellesylt aus, am Ende des Fjordes, klettern wir wieder einmal bergauf, diesmal sind es aber „nur“ 400 Höhenmeter. Der Verkehr ist dünn, nur ab und an passieren uns Autos. Auf der Abfahrt zum Hornindalsvatn, einem Binnensee, der stellenweise über 500 Meter tief ist, steht hinter einer Kurve eine Kuh mitten auf der schmalen Straße. Uns stellt sich die Frage: Links oder rechts, rechts oder links dran vorbei? Bevor ich entscheiden kann, springt das Tier mit einem erstaunlichem schnellen Satz von der Strasse. Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass das Rindvieh sich schon wieder dem fetten Gras am Straßenrand widmet und uns keines Blickes mehr würdigt.

Norwegens Fjordland im Mai Foto: Reinhard Pantke

Norwegens Fjordland im Mai
Foto: Reinhard Pantke

Es geht hinauf ins Briksdalen: Es ist absolut windstill. Die frisch ergrünten Birken und die teils noch schneebedeckten Berge spiegeln sich im glatten Wasser des Oldevatnet. Es ist fast zu kitschig um wahr zu sein.

Ohne Gepäck radeln und wandern wir zu den Eismassen des Briskdalsbreen hinauf, der hier ins Tal hinunterkalbt. Da ich den Gletscher vor gerade mal fünf Jahren das letzte Mal gesehen habe, erschrecke ich, als ich sehe, wie weit sich der Gletscher bereits zurückgezogen hat. Ein Schicksal, dass er mit vielen anderen Eisflächen in Südnorwegen teilt.

In Byrkjelo wird es stressig, da wir die nächsten 20 Kilometer durch das schöne Vatedalen leider auf einer stark befahrenen Europastraße zurücklegen müssen. Doch kurz hinter Skei können wir dem Autoverkehr wieder ein Schnippchen schlagen und am Ostufer des Jolstravatnet fast ohne Verkehr radeln.

Durchs Gaulartal zum Sognefjord

Nach ein paar unvermeidlichen Kilometern auf der stark befahrene Europastrasse, sind wir froh in Richtung des abwechslungsreichen Gaular-Tals abzubiegen.

Das Tal bietet einen wunderschönen Landschafts-Mix: Am Fuße des Tals wirkt die Landschaft lieblich und ruhig. Sie wird geprägt von Bauernhöfen und einem Fluss, der sich im stetigen Wechsel von gemächlich dahintreibenden Passagen und donnernden Stromschnellen bis hin zu Wasserfällen seinen Weg meerwärts bahnt. Wir fahren stetig talaufwärts und passieren seenartig breite Stellen des Flusses mit winzigen, pitoresken Felsinselchen, auf denen einzelne Bäume stehen. Hinter der Schranke, die im Winter das Ende der geöffneten Straße markiert, machen die Bauernhöfe kleinen verlassenen Almhütten und Sommerhäusern Platz.

Mitte Mai in Norwegens Bergwelt Foto: Reinhard Pantke

Mitte Mai in Norwegens Bergwelt
Foto: Reinhard Pantke

In Shorts und T-Shirt radeln wir bei 20 Grad durch eine wilde Schneelandschaft. Auf der Passhöhe führt die Straße durch eine schmale Gasse aus Schneewänden, die stellenweise bis zu 10 Meter neben der Strasse aufragen. Bevor wir eine Antwort auf die Frage finden, welche Maschinen solche Wände formen können, haben wir die Passspitze erreicht. Von dort blicken wir auf ein weites Tal und ein Serpentinengeflecht hinunter, das jedem Alpenpass sicher Ehre machen würde. Nach 7 km Abfahrt begegnen wir zwei älteren Freizeit-Radlern, die nur einen Tagesauflug vom Fjord machen wollten und auf Ihrer Straßenkarte den unscheinbaren Strich mit der Zahl „745“, der die Passhöhe markiert, übersahen. Als wir ihnen erzählen, wie weit sie noch nach oben klettern müssen, setzen Sie sich erst mal frustriert auf die Leitplanke und holen sich eine Erfrischung aus dem Bach neben der Straße. Ein Luxus, der im Gebirge in Norwegen fast überall ohne Bedenken genossen werden kann.

Von dort aus geht es hinunter zum Sognefjord und per Schiff in den nächsten Tagen nach Bergen, dem Endpunkt dieser Reise. Eine Tour voller Erlebnisse, Kontraste und wunderschöner Naturlandschaften geht dem Ende entgegen! Norwegens Fjordland, wir kommen bestimmt wieder …

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About the author

Reinhard Pantke

Der Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 67) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Neben Fahrradtouren durch Norwegen (17x), Schweden, Island (3x), Schottland, England, Neuseeland (3x) und einigen Südseeinseln und den Kanaren war er auch in Kanada und Alaska unterwegs. Im Verlauf dieser Touren legte er in den letzten Jahren insgesamt 160.000 km per Fahrrad zurück.
Neben Artikeln in regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, Kalendern, Buchbeiträgen und Austellungen ist Reinhard Pantke auch Autor verschiedener Bildbände über Norwegen und Kanada. Im Jahr 2009 hatte der Abenteuerer bereits Kanada von Westen nach Osten durchquert. Seine große Leidenschaft ist Skandinavien, aktuell tourt er 3 Monate durch Schweden und Norwegen.

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