Jagd in der Antarktis – der lange Weg zum Schutz einer einzigartigen Region

Jagd in der Antarktis

Junge Pelzrobben in Südgeorgien
Foto: Jo Crebbin/ shutterstock

Vor einiger Zeit informierten wir über unsere Reisen in der Antarktis, dabei war unter anderem zu lesen: „auf antarktische Tiere wurde und wird bis heute nicht gejagt“. Daraufhin erhielten wir die Zuschrift einer interessierten Leserin, mit dem Hinweis, dass diese Aussage so nicht richtig ist – völlig zurecht, denn in der Antarktis wurde sehr wohl gejagt und das auch in einem beachtlichen Ausmaß. Das Thema verdient aus unserer Sicht mehr Beachtung als eine bloße Richtigstellung, darum widmen wir uns im Folgenden der Jagd auf die Tiere der Antarktis* früher und heute. Es ist ein Beispiel dafür, wie unser aktives Einmischen die Welt verändern kann.

Kaltes Wasser, viel Ertrag

Als Kapitän Cook am Ende des 18. Jahrhunderts Südgeorgien und vor allem seine mit Pelzrobben bevölkerten Strände beschrieb, bedeutete das den – in allen Himmelsrichtungen früher oder später erhörten – Startschuss zur Ausrottung oder Beinah-Ausrottung antarktischer Tiere. Ziel der Robbenjagd war neben Fell und Fleisch vor allem der Blubber, die Fettschicht, die eigentlich die Tiere vor der eisigen Kälte des Polarmeeres schützen soll. Aus diesem Fett wurde wiederum Tran gewonnen, damals der einzige massenhaft verfügbare, flüssige Brennstoff. Später fand sich mit Kosmetika ein weiterer Absatzmarkt.
Obwohl Robben auch in anderen Teilen der Welt vorkamen, war die Rechnung eine einfache. Je kälter das Wasser, desto dicker die Fettschicht. Je dicker die Fettschicht, desto mehr Tran. Je mehr Tran, desto mehr Umsatz. Der Faktor „endliche Ressource“ erhielt keinen Eingang in die Gleichung und so war im Jahr 1825, also nicht einmal 50 Jahre nach der ersten genaueren Beschreibung Südgeorgiens, die Pelzrobbe in dieser Region nahezu ausgerottet.

Walfang als lohnende Geldanlage

Auch wenn rund hundert Jahre dazwischen liegen und die fatalen Auswirkungen des Robbenfangs für den geneigten Beobachter durchaus ersichtlich waren, wurde ab den 1890ern in ebenso rücksichtsloser Manier der Wal bejagt. Im großen Stile betrieb der Mensch ab 1904 Walfang, als mit Grytviken die erste Walfangstation in dem unwirtlichen Gebiet errichtet wurde. Und die Anstrengung zahlte sich schon bald aus. Im Jahr 1908 produzierte die Mannschaft vor Ort bereits 27.000 Barrel Wal-Öl und die Investierenden freuten sich über eine Dividende von über 30%.
Der Erste Weltkrieg verknappte zwar einerseits die potenziell Arbeitenden – andererseits schaffte er weitere Nachfrage nach Tran. Neben den lizenzierten Unternehmen tummelten sich vor der Küste zahlreiche illegal jagende Crews – ein Trend der sich in den Folgejahren immer weiter verstärkte. Die Anzahl an getöteten Walen stieg von 183, in der ersten „Saison“ Grytvikens, auf über 40.000 Tiere 1930/31 (zum Vergleich: der heutige Bestand an Buckelwalen wird auf etwas über 10.000 Tiere geschätzt). Auch wenn die Unternehmen sich für das nächste Jahr auf eine freiwillige Fangquote einigten, hatten sie schon zwei Tatsachen geschaffen, die den Untergang ihrer eigenen „Spezies“ besiegelten. Durch die Überschwemmung des Marktes war Walfett so billig wie nie geworden – die Gewinnspanne brach ein. Gleichzeitig kam die Fangquote zu spät. Die Meere waren überfischt. Einzelne Arten, wie etwa der Buckelwal, waren aus den Meeren um Antarktika so gut wie verschwunden.
So schnell wie der Aufschwung kam auch der Niedergang der Walfangindustrie in der Antarktis. Die mühsam aufgebauten Walfangstationen mussten wieder schließen, ein Schiff nach dem anderen wurde abgetakelt. Grytviken hielt sich zwar am längsten, doch ab Mitte der 1960er konnte sich auch diese Bastion nicht länger halten.

Wo stehen wir heute?

Weltweit gesehen ist der Walfang heute grundsätzlich nur den Inuit in der nördlichen Hemisphäre und auch nur zur Selbstversorgung gestattet (kleine Wal-Arten, wie etwa den Zwergwal, einmal ausgenommen). Kontroversen gibt es aber immer wieder um Japan, dass sich – vorgeblich aus Forschungszwecken – über das Verbot hinwegsetzt. Grundsätzlich unterliegt die Antarktis mittlerweile einem ganz besonderen Schutz, der sie in ihrer Ursprünglichkeit so weit als möglich erhalten soll. Auf die Agenda gebracht wurde das Thema in den 1980er Jahren durch Greenpeace, die den Schutz der Eiswüste massiv voran brachten. So wurde nicht nur dem Fisch- und Krillfang ein umweltverträglicher Rahmen gesetzt, sondern auch der internationalen Forschung.
Doch ist damit genug getan? Schützen wir die Tiere ausreichend, wenn wir die bedrohten Arten nicht oder nur in einem verträglichen Maße jagen? Jede Art ist in Ökosysteme eingebettet und die machen nicht an willkürlich gesetzten Landesgrenzen halt. Hat der Pinguin ausreichend Fisch um seine Jungen durchzufüttern? Findet der Fisch genug Algen um seine Jungen durchzufüttern? Wird den Algen das Wasser zu warm, um sich entwickeln zu können?
Viele Arten, die in den zurückliegenden Jahrhunderten vom Aussterben bedroht waren, haben sich heute in ihrem Bestand erholt oder zumindest stabilisiert. Es gibt aber noch mehr Arten, die das nicht geschafft haben und heute von unserem Erdball gänzlich verschwunden sind. Die Geschichte der Jagd in der Antarktis ist beispielhaft in zweierlei Hinsicht. Zum einen schafft es der Mensch aus Profitgier innerhalb kürzester Zeit seine Umgebung nahe an den Kollaps zu bringen und im beschriebenen Fall sogar in weitaus mehr Bereichen, als hier wiedergegeben werden konnte. Zum anderen kann das Engagement einiger weniger Menschen große Wellen schlagen. Nötig ist häufig nur der Mut und der Wille etwas zu verändern.

Aus Gründen des Tier- und des Klimaschutzes kann man Reisen in die Antarktis durchaus kritisch sehen. Aber gerade Tierschützer können an einer von unseren Reisen in diese einzigartige Region der Erde teilnehmen, denn wir arbeiten nur mit Partnern zusammen, die sich streng an die Richtlinien zum Schutz der Antarktis und ihrer Bewohner halten.

* Je nach Kriterium lassen sich die Grenzen der „Antarktis“ unterschiedlich ziehen. Wir trennen hier nicht strikt am 60. oder 66. Breitengrad, da die Problematiken auf die gesamte Region zutreffen. Eine Ausdifferenzierung nach wissenschaftlichen Kriterien würde an dieser Stelle zu weit führen.

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Jan Schäfer

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