Polkagris in Schweden – von Pippi Langstrumpf bis Karies

Süßigkeitenladen im ehemaligen Haus von Amalia Erikson in Gränna Foto: Tanja Riehm-Wagner

Süßigkeitenladen im ehemaligen Haus von Amalia Erikson in Gränna
Foto: Tanja Riehm-Wagner

Oder: Sweets for my Swedes – Sugar, Godis, Honey

Das Kind in dem Einen oder der Anderen wird sich sicherlich noch an die Szene aus Pippi Langstrumpf erinnern, in der Pippi mit Tommy und Annika in den Süßigkeitenladen der kleinen Stadt geht und 18 Pfund Bonbons bestellt. Die zunächst ungläubige Verkäuferin wittert schnell das Geschäft ihres Lebens und die drei verlassen bald darauf, mit riesigen Tüten voller Süßkram unter den Armen, das kleine, völlig leergekaufte Geschäft. Draußen stehen währenddessen viele der Kinder aus dem Ort, die ihrerseits verboten bekommen haben, Süßigkeiten zu essen. Doch als Pippi sie einlädt zuzugreifen, stürzen sich alle augenblicklich auf die Tüten und lassen es sich schmecken bis die Bäuche schmerzen.

Was nach einer süßen, kleinen Geschichte klingt, verrät uns ganz nebenbei einiges über das Land aus dem sie kommt. Die Menge, die Pippi kauft, gilt in Schweden nämlich fast als normale Haushaltsmenge. Okay, das ist ein wenig übertrieben – dennoch: Schweden ist absoluter Spitzenreiter was den Konsum von Süßigkeiten angeht. Sage und schreibe 17 Kilogramm isst durchschnittlich jede Schwedin und jeder Schwede pro Jahr. Das ist mehr als doppelt so viel wie der EU-weite Durchschnitt. Und heruntergespült wird das Ganze mit gut 90 Litern Limonade.

Immer wieder samstags

Ein weiterer Aspekt, der in der Szene enthalten ist, ist das für viele der Kinder geltende Süßigkeiten-Verbot. In den 1960ern, als der Film entstand, litten viele Kinder bereits bei der Einschulung unter starker Karies. Schweden – damals wie heute mit ausgeprägtem Wohlfahrtsstaat – war daher mit einem ganz simplen Problem konfrontiert: die Kosten für Zahnbehandlung waren enorm hoch. Da sich Süßigkeiten nur schwerlich verbieten ließen, kamen findige Menschen im Gesundsheitsamt auf die Idee, die Empfehlung auszugeben, Kindern nur einmal wöchentlich Süßes zu geben.

Durch diese Empfehlung hat sich der Begriff „lördagsgodis“ etabliert – also die Süßigkeiten, die samstags verspeist werden. Auch heute bestehen Kinder beim Wochenendeinkauf auf eben diese. Geht man aber während der Woche einkaufen, erkennt man, dass die Festlegung auf den einen Tag in der Woche keineswegs noch Bestand hat. Es wäre auch etwas anstrengend, die 17 Kg an nur 52 Tagen essen zu müssen.

Die Vipeholm-Studien

Die Geschichte von Schweden und seinen godis ist aber nicht nur eine von Träumen aus Zuckerwatte-Wolken. Gerade die Entdeckung der Tatsache, dass Karies und Zuckerkonsum zusammen hängen (die letztlich auch zu der Samstags-Empfehlung führte), geschah auf äußerst grausame Art und Weise. Um die Annahme zu untermauern, dass Kohlenhydrate und nicht Zucker für die Karies-Entstehung verantwortlich seien, wurden mit Patientinnen und Patienten der Vipeholm-Anstalt für Menschen mit geistigen Behinderungen Experimente durchgeführt. Die Menschen wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt und eine davon wurde über etwa zwei Jahre mit – von der Süßigkeitenindustrie gesponserten – Bonbons aller Art gefüttert. Zu diesem Zweck wurde gar eine besonders gut an den Zähnen haften bleibende Toffee-Sorte entwickelt und an die Patientinnen und Patienten ausgegeben.

In Kombination mit der mangelnden Zahnhygiene – Zahnbürsten waren damals in Schweden noch nicht wirklich verbreitet, schon gar nicht bei teils ruhiggestellten Menschen – liegt aus heutiger Sicht auf der Hand was passierte: die Zähne wurden unwiederbringlich ruiniert. Gleichzeitig waren die Auftraggeber der Studie – große Süßigkeitenproduzenten des Landes – not amused, schließlich war Ziel der Studie gewesen, die Kausalität von Karies und Kohlenhydraten nachzuweisen, nicht die Verbindung zum Zucker. Das „falsche“ Ergebnis erklärt auch, warum die Ergebnisse erst rund 4 Jahre nach Ende des Experiments veröffentlicht wurden. Eine ethische Debatte gab es damals nicht – diese wurde erst um das Jahr 2000 in Schweden geführt.

Polkagris als Bonbons Foto: Tanja Riehm-Wagner

Polkagris als Bonbons
Foto: Tanja Riehm-Wagner

Polkagris – Eine Stadt lebt vom Zucker

Dass Zucker das Leben auch positiv beeinflussen kann, zeigt die Geschichte von Amalia Erikson. 1859 erhielt die arme Witwe die Erlaubnis, neben feinen Backwaren auch Zuckerstangen zu verkaufen. So begann eine bis heute dauernde Erfolgsgeschichte, in deren Mittelpunkt die „polkagris“ genannten, weiß-rot gestreiften Stangen, mit Pfefferminzgeschmack stehen. Damals halfen sie Amalia und ihrer Tochter den Lebensunterhalt zu bestreiten – heute gehören die, inzwischen mit vielfältigen Farben und Geschmacksnoten versehenen, Stangen zu den liebsten Mitbringseln aus Schweden.

Und besonders Gränna, der Geburtsort des polkagris, profitiert noch massiv vom Kochen der Spezialität. Heute gibt es dort unzählige kleine Läden, in denen polkagriser nicht nur verkauft werden – man kann hier auch bei der Herstellung zusehen. Da Gränna zudem noch ein interessantes Museum über eine im Jahr 1897 gescheiterte Nordpolexpedition bereithält und das Städtchen an der Ostseite des Vättern und damit verkehrstechnisch günstig liegt, lohnt sich ein Abstecher allemal.

Entdecke die Möglichkeiten!

Und auch wenn sich Ihre Liebe zu Süßem in Grenzen hält – probieren Sie sich beim Schweden-Urlaub durch das reichhaltige Angebot im Land der godis! Denn auch wenn eventuell Schokolade mit Salzlakritz den eigenen Geschmack nicht zu hundert Prozent treffen mag, so erweitert es doch zumindest den Geschmackshorizont und zeigt, dass es keine unmöglichen Kombinationen, sondern nur gewohnte und ungewohnte gibt. Reisen, auf denen Sie sicherlich auch an einem der unzähligen Süßigkeitenläden vorbeikommen, finden Sie hier.

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Jan Schäfer

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