Norwegens Stabkirchen – Zeitenwandel zum Anschauen

Stabkirchen

Stabkirche Urnes im Sognefjord
Foto: Reinhard Pantke

Norwegen ist allen als Land der Fjorde oder Land der Trolle bekannt. Aber auch architektonisch hat es – im wahrsten Sinne des Wortes – Herausragendes zu bieten. Weltweit existieren nur noch einige wenige der außergewöhnlichen Stabkirchen. Und der allergrößte Teil davon steht in Norwegen.

Stabkirchen tragen ihren Namen aufgrund der charakteristischen Bauweise. Die ganze Konstruktion der Gotteshäuser fußt auf senkrecht stehenden Stäben, um die herum ganz unterschiedlich komplexe Gebäude entstanden (ein kurzes Video über den Aufbau finden Sie hier).

Ob einfache Saalkirche oder große Mastenkirche – viele der Unterschiede zu anderen Sakralbauten sind schon auf den ersten Blick erkennbar. Während zeitgleich in anderen Teilen Europas entstehende Kirchen – etwa die Westminster Abbey oder die Dome zu Speyer und Limburg – sehr wuchtig daher kommen, erinnern viele der norwegischen Stabkirchen eher an anmutige und verspielte Pagoden aus asiatischen Ländern.

Wikinger-Baukunst für die neue Religion

Holz war der Baustoff Nummer Eins in Norwegen – dass nach der Christianisierung auch die Kirchen des Landes aus diesem errichtet wurden, ist also nicht besonders verwunderlich und auch nicht, dass die Gebäude eine für die Wikinger sehr typische Konstruktion aufweisen: steht man in einer Stabkirche und blickt nach oben, kann man auch als Laie die Ähnlichkeit mit Wikinger-Schiffen erkennen.

Ungleich mehr Verwunderung macht sich bei genauerer Betrachtung vieler Stabkirchen breit, denn dann erkennt man, dass die zahlreichen Schnitzereien, die die Gebäude zieren, nicht ausschließlich christlichen Hintergrund haben. Neben Tieren finden sich etwa Drachen und Dämonen, aber auch heidnische Symbole und Darstellungen Odins. Verwunderlich ist dies deshalb, da eigentlich keine Form des Synkretismus, also der Integration heidnischer Figuren in den neuen Glauben, hingenommen wurde. Vermutlich wurde die Symbolik von den christlichen Geistlichen akzeptiert, da die Geschichten und Hauptpersonen gänzlich umgedeutet wurden und sie schließlich vollständig in die Geschichten des Christentums passten, ohne dass das Christentum seinerseits Zugeständnisse machen musste.

Die Hoch-Zeit der Stabkirchen

Die ersten zwei Jahrhunderte seit Beginn der Christianisierung existierte der alte nordische Glauben noch parallel zum Christentum. Auch deshalb war es sinnvoll das Aufgreifen alter Symbole nicht gänzlich zu verbieten – nicht unwesentliche Teile der Bevölkerung waren schließlich noch zu missionieren. Mit der stetigen Verbreitung des christlichen Glaubens stieg auch die Anzahl an christlichen Gotteshäusern und dort wo vorher die Wikinger ihr Verbreitungsgebiet hatten, wurden diese vornehmlich als Stabkirchen gebaut.

Mindestens 1.000 – neueste Forschungsergebnisse deuten sogar auf an die 2.000 – Stabkirchen entstanden zwischen 1000 und etwa 1550 n. Chr. allein in Norwegen. Heute sind 28 übrig, die zumindest in großen Teilen aus dieser Zeit stammen – weltweit kommen nur noch zwei weitere hinzu. Vor allem ist dies dem Baumaterial geschuldet – daran konnte auch der Wikinger-Trick nichts ändern, Kiefern langsam sterben zu lassen, damit sie mehr Harz in sich hielten und weniger Wasser aufsaugten. Die vielen schwedischen Stabkirchen ereilte hingegen ein anderes Schicksal als das langsame Verrotten: sie wurden nach einer Pestepidemie niedergebrannt.

Reisefreudige Stabkirchen

Neben 30 authentischen gibt es in einigen Ländern Nachbauten, etwa in Schweden, Island oder Deutschland – sogar der Europark Rust hat seine eigene Stabkirche. Besonders interessant ist aber die Kirche Wang in Karpacz im Riesengebirge in Polen. Diese stand bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch im kleinen Örtchen Vang mitten in Norwegen – vermutlich war ihr ursprünglicher Standort sogar noch ein paar Kilometer davon entfernt.

Als Sie um das Jahr 1840 abgerissen werden sollte plante der norwegische Maler Johan Christian Clausen Dahl, ein enger Freund Caspar David Friedrichs, die Kirche zu erstehen und in einem Park in Oslo aufzustellen. Seine Idee konnte nicht in die Tat umgesetzt werden – seine Faszination für die Stabkirche aber blieb. Durch gute Verbindungen zum damaligen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. konnte er diesen von einem Kauf überzeugen und die Kirche so retten. Die Gräfin Friederike von Rieden sorgte schließlich dafür, dass Sie an Ihren heutigen Platz in Karpacz gebracht wurde, wo Sie heute noch als Kirche genutzt wird – gleichzeitig aber auch ein Besuchermagnet ist.

Investition in die Stabkirchen als Investition in den Tourismus

Norwegen hat in den vergangenen Jahren viel Geld – insgesamt umgerechnet 14 Millionen Euro – investiert, um all seine Stabkirchen zu renovieren. Selbst aufwendige Arbeiten, wie die Anhebung der Kirche in Undredal um ganze 30 cm, wurden dabei nicht ausgespart. Pünktlich zur Adventszeit hieß es dann schließlich: Mission erfüllt!

Gerade jetzt empfiehlt es sich also die architektonischen Highlights einmal aus der Nähe zu betrachten. Die meisten erhaltenen Stabkirchen stehen im Süden Norwegens. Aber auch etwas weiter nördlich rund um Trondheim gibt es einige zu besichtigen. Sehr viele unserer Reisen lassen sich dementsprechend mit dem Besuch einer oder mehrerer Stabkirchen verbinden. Ein Grund mehr seinen Urlaub im zauberhaften Norwegen zu verbringen – unser vielfältiges Angebot finden Sie hier.

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Jan Schäfer

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