Klimawandel in Grönland: Unabhängigkeit oder Untergang? (Teil 2)

Grönland

Umgebung von Ilulissat – Blick auf den Eisfjord
Foto: Thomas Haltner – Hurtigruten

Im letzten Artikel haben wir gewissermaßen die Rahmenbedingungen geschaffen, um zu verstehen, vor welchen Entscheidungen Grönland steht und wie der Status quo auf der Insel aussieht. Heute soll ein Ausblick gewagt werden. Was wären die Begleiterscheinungen eines Rohstoffbooms? Und gibt es möglicherweise auch noch andere Möglichkeiten, mit denen Grönland einen Aufschwung erleben kann?

Grönland als Spielball der Weltpolitik?

Die momentan sehr niedrigen Rohstoffpreise haben zu einem leichten Abkühlen des Interesses an Investitionen in den grönländischen Bergbau geführt. Doch so sicher wie die Preise wieder anziehen werden, so sicher ist ein wieder aufflammendes Interesse an den Bodenschätzen. Besonders groß ist dieses von Seiten chinesischer Firmen, die mit Abstand Weltmarktführer im Bereich seltener Erden sind und bleiben wollen. Gleichzeitig versuchen westliche Staaten, allen voran aus der EU und die USA, China nicht ganz das Feld zu überlassen, um sich nicht in eine zu starke Abhängigkeit zu manövrieren.

Einen großen Wettbewerbsvorteil haben die Unternehmen aus Fernost dadurch, dass Sie erheblich niedrigere Löhne zahlen können. Grönland hat in diesem Zuge sein Mindestlohngesetz gelockert, wodurch es für ausländische Gesellschaften nicht gilt. Für grönländische Firmen ergibt sich daraus ein erheblicher Nachteil, da sie schlicht und ergreifend nicht wettbewerbsfähig sind.

Wer profitiert?

Zusätzlich hat Grönland nicht die nötige Expertise – Schätzungen besagen, dass rund 3.000 Menschen mit Erfahrung im Bergbau in das Land geholt werden müssten. Pro Mine. Mit 19 Minen wären das dann genauso viele, wie momentan auf Grönland leben. Gleichzeitig rechnen Expertinnen und Experten damit, dass rund 20 Minen nötig wären, um von Dänemark unabhängig werden zu können.

Boomregionen haben in der Vergangenheit häufig enorme Wachstumssprünge zu verzeichnen gehabt und sind wunderbar damit zurechtgekommen. Ob aber der Ansatz erfolgversprechend ist, die Neuankömmlinge vom Rest der Bevölkerung zu trennen, wie es diskutiert und teilweise schon umgesetzt wird, darf stark bezweifelt werden. Da vor allem Menschen mit Fachwissen in das Land geholt werden würden, würden außerdem in erster Linie die oberen Gesellschaftsschichten wachsen – schlecht oder gar nicht ausgebildete Inuit würden höchstwahrscheinlich noch stärker abgehängt, als dies schon jetzt der Fall ist.

Echte Unabhängigkeit?

Fraglich ist auch, ob die Unabhängigkeit von Dänemark, nicht in einer Abhängigkeit von Unternehmen endet, die ihr Handeln nicht zwingend am Gemeinwohl orientieren. Die bisherigen Verhandlungen zeigen, dass sich die Firmen extrem lange Konzessionszeiten zusichern lassen und bei den Standards äußerst hart verhandeln.

Etwas polemisiert steht Grönland vor der Frage, ob es die Freiheit, von Dänemark unabhängige Außen- und Sicherheitspolitik zu betreiben, wert ist, sich von nicht demokratisch legitimierten Konzernen abhängig zu machen und ob die Chancen eines gesellschaftlichen Fortschritts die großen Unwägbarkeiten aufwiegen können. Doch ist das Fördern von Rohstoffen die einzige Chance, den Status quo zu verbessern?

Organisches Wirtschaftswachstum statt Boom?

Erstmals seit der Wikingerzeit auf Grönland, die durch die kleine Eiszeit im Mittelalter ein jähes Ende fand, ist auf der Insel wieder Ackerbau möglich. Nicht in großem Stile – momentan werden nur 2% des Bedarfs mit einheimischen Produkten gedeckt – aber stetig wachsend. Dass das „grüne Land“ wie es damals zu Recht getauft wurde, allein durch die wiedergewonnene Möglichkeit, Ackerbau zu betreiben, einen solchen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt wie zu Wikingerzeiten, darf bezweifelt werden. Doch ist ein steigender Grad der Selbstversorgung sicher ein wichtiger Schritt, da er Lebensmittel vergünstigt und Arbeit schafft.

Der Rückgang des Fischfangs durch Überfischung und steigende Wassertemperaturen, kann möglicherweise durch neu frei werdende Fischfangrouten abgefedert werden. Ungleich nachhaltiger ist aber ein anderer Ansatz, nämlich das zu verkaufen, was sonst einfach ins Meer verschwindet: Schmelzwasser. Erste Anlagen sind bereits in Betrieb und so kann grönländisches Gletscherwasser überallhin verkauft werden. Betrieben werden sollen diese und andere Fabriken außerdem zunehmend durch Strom aus neu gebauten Wasserkraftwerken.

Unberührte Natur, ungewöhnliche Traditionen

Durch den dem Klimawandel zu verdankenden stärkeren medialen Fokus auf Grönland, steigt auch die Zahl der Touristinnen und Touristen kontinuierlich. Besonders anziehend wirkt die unberührte Natur, die gleichzeitig so offensichtlich im Wandel ist, wie es sonst an wenigen Stellen der Welt sichtbar wird. Der spannenden Kultur der Inuit auf Grönland haben wir uns schon einmal gesondert gewidmet – auch sie trägt maßgeblich zum Interesse an der Insel bei.

Das empfindliche Öko-System setzt dem Tourismus Grenzen, doch diese sind noch lange nicht erreicht – zumindest wenn man ein angemessenes Verhalten von Grönland-Entdeckerinnen und –Entdeckern voraussetzt. Wenn Sie Interesse bekommen haben, sich die faszinierende Insel einmal genauer anzusehen, finden Sie hier Reisen zu den schönsten Flecken Grönlands.

About the author

Jan Schäfer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

ZeitRäume - ZR-Reisen Individual UG (haftungsbeschränkt) Impressum - Datenschutz