Wo Isländer Urlaub machen: Islands Westfjorde

Islands Westfjorde

Breiðavik an der Nordwestküste Islands. Foto: Reinhard Pantke

Reinhard Pantke hat sich im Sommer 2015 mit seinem roten Fahrrad auf den Weg in Islands Westfjorde begeben und schildert uns seine Erlebnisse.
Der Tourismus boomt auf Island in den letzten Jahren. In den Westfjorden ist es aber auch im Sommer recht ruhig. Nicht etwa, weil es Nichts zu sehen gibt, sondern weil der Nordwesten Islands noch heute abseits der ausgetretenen Pfade liegt. Man kommt hier wegen der bergigen Topographie und der oft nur teilweise geteerten Straßen eher langsam voran –  und das nicht nur als Radfahrer!
Reinhard Pantke nimmt uns mit zu einigen der schönsten Plätze im einsamen Nordwesten Islands.

Das Tor dorthin ist die kleine Ortschaft Stykkishólmur auf der abwechslungsreichen Snaefellsnes Halbinsel. Von hier fährt die Autofähre Baldur im Sommer zweimal täglich über den Breidafjördur zu der winzigen Anlegestelle in den Westfjorden. Im Sommer macht die Fähre auf halbem Weg einen Stop auf der autofreien Insel Flatey. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier über 200 Menschen. Die bunten Holzhäuser sind heute Sommerdomizil für die Nachfahren der einstigen Bewohner und gern verwendete Kulisse für die Verfilmung historischer Romane. Ich kann mir kaum vorstellen, wie die Menschen hier früher im Winter überlebten, wenn brutale Stürme über die baum- und schutzlose Insel zogen.

Latrabjarg in Islands Westfjorden. Foto: Reinhard Pantke

Latrabjarg: Das westliche Ende Europas

Ein wunderbarer Ausflug zum westlichsten Ende Islands führt nach Latrabjarg. Einige Kilometer vor Latrabjarg führt eine steile kurvige Schotterstrasse nach Raudarsandur hinüber. Vor uns breitet sich danach ein 15 km langer Sandstrand aus, der farblich durchaus mit traumhaften Karibikstränden mithalten kann. Die Wassertemperatur erinnert mich aber nicht nur daran, dass Grönlands Ostküste nur noch 300 km entfernt ist, sondern erklärt auch, warum es an diesem Traumstrand statt Bettenburgen und Restaurants nur noch sieben Menschen gibt, die hier ganzjährig leben. Einer von ihnen ist ein querschnittsgelähmter Farmer, der es dank umgebauter Maschinen schafft, in dieser einsamen Landschaft allein und ohne Hilfe auch im  Winter zu überleben.

Die nur in den Sommermonaten geöffnete geschotterte Straße führt vorbei an Buchten mit glasklarem Wasser, Dünenlanschaften und kargen Fjellregionen zur kleinen Touristenstation Breidavik. Im Sommer sind Restaurant, Gästehaus und Campingplatz gut besucht. Im Winter, erzählt mir der Betreiber, sind er und seine Frau die einzigen, die im Umkreis von 50 Kilometern leben. Mitunter sind sie tagelang von der Außenwelt abgeschnitten.

Die Klippen  von Latrabjarg markieren den westlichsten Punkt Islands und gleichzeitig auch Europas. Sie erstrecken sich auf einer Länge von mehr als 12 km und erreichen Höhen von über 500 Meter (mehr als doppelt so hoch wie die Klippen von Moher in Irland). In der Zeit von April bis August ist die gigantische Felswand Kinderstube für Millionen von Vögeln, wie zum Beispiel Möwen, Trottellummen und  Eissturmvögeln.

Islands Nordwesten

Papageientaucher im Nordwesten Islands. Foto: Reinhard Pantke

Ich bin heilfroh darüber, dass es sonnig und nicht zu windig ist. Nur vorsichtig robbe ich mich bäuchlings immer näher an den Abgrund heran um nicht nur das in der Sonne glitzernde Meer zu sehen, sondern auch unter mir unzählige Papageitaucher zu sehen, die vor ihren langen Erdhöhlen sitzen und die Abendsonne geniessen. Anders als in anderen Regionen scheinen die putzigen Puffins kaum Angst vor Menschen zu haben und hocken seelenruhig wenige Meter von mir entfernt.

 

Hochland light und Wanderparadiese

Wer etwas „Hochlandfeeling light“ schnuppern will, ist in den Westfjorden richtig. Auf geschotterten, aber gut befahrbaren Straßen geht es über zahlreiche Pässe immer weiter nach Norden. Auf manchen Abschnitten trifft man selbst jetzt im Hochsommer weniger als eine handvoll Autos. Ein mitten im Nirgendwo gelegenes Highlight ist der über 200 Meter hohe Dyandi-Wasserfall, dessen Fallstufen man sich in einer einstündigen Wanderung erlaufen kann. Über karge Fjells und lupinenbewachsene Täler, die jetzt im Juli in dichten Teppichen wachsen, radle ich in schweißtreibenden Höhenmetern immer weiter nach Norden.

Isafjördur ist die wohl abgelegenste größere Stadt Islands. Sie wächst trotzdem, da die Isländer zunehmend die umliegenden kleineren Orte verlassen. Auch wenn Isafjördur im Winter auf der Straße oft nicht erreichbar ist, kann man per Flugzeug in weniger als einer Stunde in die Hauptstadt Reykjavik fliegen!

Islands Westfjorde

Isafjördur. Foto: Reinhard Pantke

Wer noch weiter in die Einsamkeit will, kann im Sommer per Boot den Hornstrandir Nationalpark erreichen. Die zerklüftete Halbinsel war bis vor gut 50 Jahren bewohnt. Hesteyri, ist einer der letzten Orte, der vor 60 Jahren verlassen wurde. Hier wohnten bis zu 200 Menschen, es gab sogar einen Arzt, einen Laden und eine Walfangstation. Heute hat sich dort eine einzigartige Vegetation entwickelt hat. Da es hier keine Kühe und Schafe gibt, wachsen hier sogar mehrere Orchideenarten. Die Halbinsel ist heute ein Paradies für Naturliebhaber und Wanderer.

Zwischen den Orten verlaufen noch die alten Karrenpfade, auf denen in den kurzen Sommern abenteuerlustige Wanderer die wilde Halbinsel erkunden. Doch ich fahre mit dem Boot einfach nur zurück nach Isafjördur und freue mich über die Begegnung mit einer großen Gruppe Delfine. In den nächsten Tagen soll es vorbei an vielen Fjorden in den Norden Islands gehen. Wer auf den Geschmack gekommen ist, wird sicher bei den Islandreisen von ZeitRäume fündig.

Text und Bilder: Reinhard Pantke

About the author

Reinhard Pantke

Der Globetrotter Reinhard Pantke (Jahrgang 67) erlebt seine Reiseziele grundsätzlich nur mit Fahrrad und Rucksack. Neben Fahrradtouren durch Norwegen (17x), Schweden, Island (3x), Schottland, England, Neuseeland (3x) und einigen Südseeinseln und den Kanaren war er auch in Kanada und Alaska unterwegs. Im Verlauf dieser Touren legte er in den letzten Jahren insgesamt 160.000 km per Fahrrad zurück.
Neben Artikeln in regionalen und überregionalen Zeitungen und Magazinen, Kalendern, Buchbeiträgen und Austellungen ist Reinhard Pantke auch Autor verschiedener Bildbände über Norwegen und Kanada. Im Jahr 2009 hatte der Abenteuerer bereits Kanada von Westen nach Osten durchquert. Seine große Leidenschaft ist Skandinavien, aktuell tourt er 3 Monate durch Schweden und Norwegen.

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