Schottland – der EU näher als dem UK?

Dudelsackspielerin

Schottland – Wo Tradition und Moderne kein Widerspruch ist. Bild: shutterstock/Alan Gordine

Als die Ergebnisse der Abstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU bekannt gegeben wurden, äußerten insbesondere Politikerinnen und Politiker aus Schottland ihre Bestürzung über das unerwartete Ergebnis. Betrachtet man die Ergebnisse im Norden des (noch) Vereinigten Königreichs, erklärt sich die Vehemenz sofort, mit der die schottische Regierung nun nach Wegen sucht, dem Austritt aus der Union entrinnen zu können: in jedem einzelnen Stimmkreis in Schottland stimmten die Menschen mehrheitlich für den Verbleib in der EU – über 62% waren es über das Land verteilt. Ein Wert den selbst das weltoffene London nicht erreichte.

Should we stay or should we go?

Es ist also durchaus verständlich, dass die Premierministerin Sturgeon einen erzwungenen Austritt, der so deutlich nicht den Präferenzen der eigenen Bevölkerung entspricht, nicht einfach so hinnehmen will. Die Blockade des Austritts durch die schottische Regierung auf parlamentarischem Wege, wie er in den ersten Tagen nach der Entscheidung diskutiert wurde, scheint – unabhängig von der rechtlichen Beurteilung – kein erstrebenswerter Weg, schließlich würde so die Mehrheit der Britinnen und Briten übergangen.

Es spricht vieles dafür, dass es zu einer Neuauflage des 2014 gescheiterten Unabhängigkeitsreferendums kommt, bei dem Unabhängigkeitsbefürworter- und Gegner rund 10% trennten. Damals enthielt die Abstimmung jedoch noch keine Entscheidung pro oder contra EU, was die Separatisten, insbesondere die regierende Scottish National Party, auf einen diesmal anderen Ausgang hoffen lässt. Um nachvollziehen zu können, welche Ideen, Befindlichkeiten und Interessen in der schottischen Bevölkerung wirken, sollten wir einen kurzen Ausflug durch Schottlands bewegte Geschichte unternehmen.

Schottland – wo Römer und Wikinger sich die Zähne ausbissen

Das heutige Schottland wurde um 10.000 v. Chr., also in der Mittelsteinzeit, besiedelt. Ab 600 v. Chr. siedelten die ersten keltischen Stämme im Norden der Insel. Als die Römer Britannien eroberten, scheiterten zahlreiche Versuche, auch den Norden einzunehmen. In Stein verewigt wurden die erfolglosen Bemühungen schließlich im weltberühmten Hadrians Wall. In der Folge bestanden mehrere kleinere Reiche, unter anderem das der später namensgebenden Skoten.

Zu einer Vereinigung kam es letztlich unter dem Einfluss einer äußeren Bedrohung, namentlich der Wikinger. Im neu entstandenen Königreich Alba setzte sich nach und nach das Gälische als Sprache durch. Vor allem im Süden des heutigen Schottlands stieg der Einfluss Englands, was sich auch im Staatsaufbau niederschlug – die Highlands blieben dagegen jedoch immun, die traditionelle Clan-Herrschaft dort bestehen.

Vernunft vs. Herz

Die folgenden Jahrhunderte sind ein einziges Wirrwarr aus versuchten, geglückten und wieder rückgängig gemachten blutigen Unterwerfungen, Einmischungen, Hochzeiten und sonstigen Versuchen Machtverhältnisse zu verändern, verfestigen oder wieder aufzulösen. Und eine ordentliche Anzahl an Religionskonflikten spielte natürlich auch eine Rolle. Bei zahlreichen Auseinandersetzungen springt Schottland dabei immer wieder der britische Erzfeind Frankreich zur Seite.

1707 vereinigen sich Schottland und England zum Vereinigten Königreich – eine Vernunftehe, sicher keine Hochzeit aus bedingungsloser und tiefer Zuneigung zueinander. England geht es um die Ausdehnung der Machtbasis, der schottische Adel ist schlicht und ergreifend pleite. Dass die schottische Bevölkerung in der Folge den Aufstand probt interessiert die Herrschenden nicht weiter, jeglicher Versuch des Umsturzes wird niedergeschlagen.

Bewegung kommt im ausgehenden 20. Jahrhundert wieder in die Debatte. Vor der Küste gefundene Ölvorkommen scheinen eine Unabhängigkeit auch finanziell möglich zu machen und der Niedergang der Industrie nähren in vielen Schottinnen und Schotten das Gefühl, von London im Stich gelassen zu werden. Eine überwältigende Mehrheit stimmte schließlich 1997 für einen Autonomiestatus, in dessen Nachgang das erste schottische Parlament seit Jahrhunderten gewählt wurde. Nachdem die Labour-Partei als klare Siegerin aus den ersten beiden Wahlen hervorgegangen war, gewann die Scottish National Party die letzten drei.

Besonderheit des schottischen Nationalismus

Im Gegensatz zu vielen anderen namensverwandten Gruppierungen und Parteien setzt die SNP nicht auf einen Nationalismus, der sich am Geburtsort des Individuums orientiert, sondern eher auf den Kommunitarismus, ein Konzept dass jede und jeden mit einbezieht, der oder die in einem bestimmten Gemeinwesen leben möchte und sich an dessen Regeln orientiert. Dass sich die SNP dezidiert pro-europäisch und zuwanderungsfreundlich präsentiert sowie ein deutlich stärkeres Engagement Großbritanniens in der so genannten Flüchtlingskrise fordert, ist daher kein Widerspruch. Dennoch entsteht so natürlich ein „wir“ vs. „die anderen“-Weltbild, das stets die Gefahr der Abwertung Anderer birgt.

Die pro-europäische Komponente speist sich vermutlich aus der über Jahrhunderte bestehenden guten Beziehung zu Frankreich, die nicht nur auf einer abstrakten Bündnisebene, sondern vor allem auch durch das Studium zahlreicher Schottinnen und Schotten auf dem europäischen Festland. Diese brachten kontinentaleuropäische Lebensweisen und Rechtsvorstellungen mit, die in Schottland implementiert und über die Jahre – wenn auch nicht unverändert – erhalten blieben. Die Nähe zu Europa ist sicher auch in nicht zu geringem Teil durch die Opposition gegen den großen Bruder England zu erklären. Sich gegen dessen (häufig antieuropäischen) Sonderweg zu stellen, ist eben sehr gut mit einem proeuropäischen Kurs möglich.

Tradition und Moderne – in Schottland kein Widerspruch

Egal wie es mit Schottland nun weiter geht – eine in sehr großen Teilen offene, neugierige und warmherzige Bevölkerung erwartet Sie dort, die gleichzeitig gerne ihre Traditionen zur Schau stellt. Neben dem Sommer bietet sich auch der Frühherbst als Reiseizeit an. Die Regentage sind noch nicht ganz so zahlreich, außerdem lassen sich zu dieser Zeit die Attraktionen des Landes ohne große Touristenströme genießen und der Kontakt mit Einheimischen kommt besonders leicht zu Stande. Wenn Sie Lust auf Schottland und seine Einwohnerinnen und Einwohner bekommen haben, finden Sie hier die passenden Angebote.

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Jan Schäfer

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